Es ist kurz nach fünf Uhr morgens. Die Temperatur liegt bei minus fünf Grad, mein Atem bildet kleine Wolken in der eisigen Luft. Seit drei Stunden sitze ich regungslos am Waldrand und warte. Die Kamera liegt griffbereit auf dem Schoß, das Teleobjektiv auf die Lichtung gerichtet.
In der Wildtierfotografie gibt es keine Garantien. Man kann eine ganze Nacht ausharren und mit leerer Speicherkarte nach Hause gehen. Oder man erlebt einen dieser Momente, die einen für jede durchgefrorene Stunde entschädigen. Heute sollte es so ein Moment werden.
Der magische Moment
Plötzlich Bewegung am Waldrand. Erst nur ein Schatten, dann eine Silhouette, die sich aus dem Nebel schält. Ein kapitaler Rothirsch tritt auf die Lichtung – ruhig, wachsam, völlig unbeirrt. Das Geweih zeichnet sich gegen den aufsteigenden Dunst ab wie eine Krone.
Jetzt zählt jede Sekunde. Ruhig atmen, Kamera langsam heben, Fokus auf das Auge, auslösen. Kein hektisches Schießen, sondern bewusst und kontrolliert. Der Hirsch äst in aller Ruhe, schenkt mir ein paar wunderbare Minuten und verschwindet dann wieder lautlos im Wald.
Vorbereitung ist alles
Solche Begegnungen sind selten Zufall. Tage vorher bin ich das Revier abgegangen, habe Wechsel, Fährten und Verbissspuren gelesen und den Wind studiert. Der richtige Ansitzplatz liegt immer dort, wo der Wind mir den eigenen Geruch nicht zum Wild trägt. Dunkle, geräuschlose Kleidung, früh genug da sein, bevor es hell wird – und dann einfach Teil der Landschaft werden.
Wildtierfotografie ist zu neunzig Prozent Warten und zu zehn Prozent Handeln. Aber genau das macht den Reiz aus. Man lernt, die Natur zu lesen, das Verhalten der Tiere zu verstehen und den richtigen Moment zu erahnen. Wer einmal gesehen hat, wie ein Rothirsch im Morgennebel auf eine Lichtung tritt, versteht, warum es sich lohnt, diesen Lebensraum zu schützen.